4. Schlüssel: ÜBERQUELLEN

Ich sitze im Bett und schreibe jene Zeilen in den frühen Morgenstunden des 17. Augusts 2018.

Ab und an ist es mir wichtig, ein Datum anzufügen. Um mich zu erinnern. An Erkenntnisse, nach denen nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Ich dachte, ich kenne die Liebe. Doch das war einmal. Ich kenne nur die Liebe von heute und ich weiß, wie ich sie gestern kannte. Doch was die Liebe wirklich ist, das werde ich vielleicht niemals begreifen. Die Liebe ist zu groß, um in meine Gedanken zu passen.

Und sie wächst. Mit meinem Glauben, der sich Tag für Tag erneuert.

 

Vor einiger Zeit fing ich an, das Ei der Liebe nicht mehr im Außen zu suchen. Ich wußte: Die Liebe MUSS in meinem Inneren sein. Mein Ostern war im Januar. Während eines Stilleretreats. Fünf Tage ohne Worte. So etwas tat ich zum allerersten Mal. Keine Worte, noch mehr Gedanken. Laute Gedanken.

Ich ging in Gedanken die Liebesbeziehungen in meinem Leben durch. Oh jaa. Es gab sie. Einige.

Ich erinnerte mich an wunderbare Männer, die mir die Welt zu Füssen legten. Immer und immer wieder. Und an ein oder zwei, die das nicht taten.

Letztlich bin ich in meinem Leben nur zwei Male "verlassen" worden. 

Das erste Mal war ich 17 und schwanger. Das zweite Mal war ich 31 und total verknallt.

 

Und doch kenne ich den Liebeskummer gut. Besonders dann, wenn ich eine Beziehung hinter mir lasse. Wenn ich entscheide, dass mich der Rahmen dieser Liebe quält. Ich bin oft gegangen. Und ich frage mich: WARUM?

 

Wonach suche ich, was mir keiner geben konnte?

Mich selbst.

 

Doch wer bin ich, wenn ich noch immer nach mir suche? Gibt es etwas, was es zu finden gilt?

 

Die Antwort kam nicht in jenem Stilleretreat. Doch sie kam. Und sie kam still.

Langsam, sachte, fast unbemerkt – kroch sie mir in meine Sinne. 

Wehte mir wie eine Ahnung um die Nase, küsste mich, wie ein früher Sonnenstrahl.

Ward zur Quelle.

 

So offenbarte sie sich in mir. Als sprudelnder, glasklarer, quicklebendiger Quell, der mit allen seinen Wassern aus mir strömt und sprudelt, der sich übermütig überschlägt. Der sich manchmal still und sanft ans Bett des Lebens schmiegt, um dann wieder wild und tosend die Macht der tausend Wasser einzusetzen.

 

Und ich erkannte, NEIN, ich fühlte:

 

die Liebe ist in mir. Ich bin ihr Ursprung, ihre Quelle.

 

Ich weiß, es ist mit Worten kaum zu erklären. Die Liebe ist kein Konzept. Sie ist einfach ALLES, was es gibt.

Und ALLES ist außerhalb von dem, was der Mensch begreifen kann. Denn der Mensch denkt beschränkt.

Er begrenzt sich mit jedem seiner Gedanken. Egal welch großartige Gedanken ein Mensch auch haben mag, die Liebe wird immer größer sein.

Und so weiß ich. Es ist Blasphemie, die Liebe zu erklären. Und dennoch. Ich werde versuchen auszumalen, was die Liebe mit mir macht. Und wenn ich das beschreibe, dann male ich mit allen Fingern und aller Liebe, die ich bin – gehörig über alle Ränder. Wie ein Kind. Ungestüm. Neugierig. Mit etwas Vorgefertigtem nicht zu befriedigen.

 

 

 

 

 

Die Liebe sprudelt von innen nach außen

Liebe kannst Du nicht bekommen

Für mich ist dies die Erkenntnis des Jahrhunderts.

Meine Erkenntnis des Jahrhunderts.

NIEMAND kann mich lieben. Ich kann es nur selbst tun. Und erst, wenn ich es tue, werde ich geliebt.

Von mir, durch mich, von jedem anderen.

Im Grunde kann ich mich noch nicht einmal lieben. Denn ich bin ja LIEBE. Und so tut die Liebe nichts. Die Liebe ist.

Es gilt, mich zu erinnern, dass ich LIEBE bin.

Diese Idee ist für mich längst zur Erfahrung herangereift. Das Ei ist gesprungen. Die Quelle fließt.

 

Die Liebe ist als Virus in uns angelegt. Hoch infektiös, nicht totzukriegen. Ihr Virus verbreitet sich, wenn er aus dem Dämmerschlaf erwacht. 

 

Ich bin nun infiziert. 

Und so sprudelt meine Quelle tagein, nachtaus in alle Himmelsrichtungen. Nach oben und nach unten, nach links, nach rechts und querfeldein. Ohne festes Flussbett. Denn das Flussbett ist mein Leben.

Ich fühle mich reich. Unermesslich reich. 

 

Es ist egal, wie andere Menschen mir begegnen.

Es ist egal, welche Gedanken sie über mich denken.

Es ist egal, wie sie für mich fühlen.

Es ist egal, welche Antwort sie für mich haben. Welche Frage sie mir stellen.

Es ist egal, wann sie kommen.

Egal, wann sie gehen.

 

Sie können mir nichts geben, was ich nicht längst schon habe.

Sie erinnern mich. 

Sie sind mein Spiegel.

Sie korrigieren mich.

Sie lehren mich.

 

Wenn ein Lehrer verschwindet, erscheint ein neuer in der Lebensschule. Manch Lehrer begleitet mich ein kurzes Stück. Manch Lehrer bleibt für eine lange Weile. Es ist perfekt. Immer. Ob ich es nun erkennen kann oder eben nicht. Es ist perfekt.

 

Ich übe mich im Quellen, im Überquellen, im Mich-Verschenken.

 

 

Quellenerfahrung

Vor ein paar Wochen schrieb mir mein Ex. Genauer gesagt: meine erste große Liebe. Mitten in der Nacht.

Er schrieb mir:

Ich liebe Dich noch immer. Ich kann Dich einfach nicht vergessen. Obwohl das Ganze nun fast dreißig Jahre her ist. Ist das nicht verrückt? Wieso kriege ich Dich nicht aus meinem Kopf? Erst recht nicht aus meinem Herzen?"

 

Die erste große Liebe ist besonders. Ich war so ungestüm. Ohne Erfahrung. Ohne Altlast. Ohne großes Konzept. Ich habe mich einfach ausprobiert. Mich mitten hineingestürzt.

Ich war eifersüchtig. Und wie. Ich habe ihn an seinen leuchtend roten Locken aus der Disco rausgezogen. Weil er mit einem anderen Mädchen sprach. Ich habe geschrien. Und getobt. Habe auf ihn eingeschlagen. Ich war meist völlig von Sinnen, wenn ich einen Eifersuchtsanfall hatte. 

Und er? Er hat mich beruhigt oder bezwungen. Ganz nach Lust und Laune. Hat mich ganz festgehalten, bis ich wieder ruhig und besänftigt war. 

Meist haben wir uns versöhnt. Leidenschaftlich, auf dem Nachhauseweg. Konnten nicht warten, bis wir in unseren vier Wänden waren.

 

Ich erinnere mich noch daran, als ich ihn zu allerersten Mal sah. Ich war achtzehn.

Und mit meiner Freundin unterwegs. Und er mit seinem Freund. Unsere Blicke trafen sich. Kurz und endlos lang zugleich. Nicht zu beschreiben, wie es war... Warm und heimatlich. Irgendwie vertraut.   

Doch aus irgendeinem Grund sprach sein Freund mich eher an. Und so wurden wir ein Paar. Für ein paar Sommerwochen. 

Und der, den ich eigentlich so toll fand, ging mit meiner Freundin aus.

 

Ich erinnere mich noch genau. Obwohl ich ihn so besonders fand und an ihn dachte, freute ich mich für meine Freundin. Irgendwie gab es keinen Grund für mich, etwas anderes zu empfinden. Außer Freude.

Da war kein Bedauern, keine Eifersucht. Es war, wie es eben war.

 

Und dann, ein paar Wochen später – tauschten wir. Ich kam endlich mit IHM zusammen. 

Wir blieben vier Jahre lang ein Paar.

In dieser Zeit haben wir uns so ziemlich jeden Kampf geliefert, den man sich liefern kann. 

Wir haben uns belogen. Wir haben uns betrogen. Wir haben uns versöhnt. Ich habe ihn verlassen. Ich bin zu ihm zurückgekehrt. Ich war ein Scheusal. Ich hatte keine Ahnung, was die Liebe ist. Und irgendwie war ich nah dran.

Trotz allem.

Denn jeden Fehler, den wir machten, haben wir uns verziehen. Augenblicklich. Immer wieder. Wir hatten keine Zeit uns etwas nachzutragen. Wir haben uns einfach geliebt. Auf ein Neues. Haben es nochmal probiert. Wie Laufen lernen.,

Wenn wir hingefallen sind, dann haben wir uns an der Hand genommen. Sind wieder aufgestanden. Haben es besser gemacht. Uns immer wieder vergeben und verziehen. Wir hatten keinen Stolz. Wir hatten Liebe.

 

Diese Geschichte  ist nun fast dreißig Jahre her. Und ich erinnere mich, als wäre es gestern.

Obwohl ich damals voller Angst und Zweifel war – jemals gut genug zu sein – war ich doch auch voller Urvertrauen.

Es sprudelte aus mir heraus. Es heilte. Es lehrte mich. Es bahnte sich ein Flussbett durch mein Leben.

Liebe ist eine Quelle. Sie mündet in Dir

Mittlerweile habe ich einige Liebesbeziehungen anprobiert und verschlissen. 

Lange und kurze.

Ich habe verzweifelt geliebt.

Ich habe mich heimlichen Ängsten gestellt.

Ich habe all meine Erwartungen projiziert.

Auf die wechselnde Leinwand meiner Partner.

Immer und immer wieder.

Ich wußte es ja nicht besser.

Sie waren grausam ehrlich. Eine exakte Projektion.

Ich habe mich angenommen und abgelehnt gefühlt.

Verstanden und missverstanden.

Überwichtig – und wie Luft.

Ich habe gekämpft und losgelassen.

Habe in Flammen gestanden und akzeptiert.

Alles hingeschmissen und aufs Neue angefangen.

Gelitten und geliebt.

Bis der Sturm der Stille wich.

Der Groschen fiel.

Ich habe MICH endlich um den Finger gewickelt.

In den Arm genommen.

Und wichtig.

SIE ist mir unbeschreiblich heilig.

Die BEZIEHUNG ZU MIR SELBST.

 

Die Quelle im Bergmassiv der Wunden

In den letzten Wochen ist es in mir still geworden. Stiller, als jemals zuvor.

Der wirre Lärm im Außen ist verstummt.

Auf dem Schlachtfeld meines Lebens wachsen nun zarte, kunterbunte Blumen. Ihr Duft ist süß und wild. Über Waffen wuchert Gras. Mahnung und Erinnerung.

Und Schmetterlinge tanzen über der frischen Wiese meiner Seele, die täglich – im Tau der Morgensonne – mehr erblüht.

Dort, wo einst Kriegslärm war, säuselt der Wind in grünen Blättern.

 

Irgendwo – in Herznähe –  habe ich sie ganz zufällig entdeckt.

Meine Quelle: In einem Moment zwischen zwei Gedanken, in der Pause zwischen zwei wohl gewählten Worten, im Augenblick, als ich kurz die Luft anhielt. Sie offenbarte sich: im Bergmassiv der alten, stummen Wunden. Sie spülte grauen Staub der Seele einfach weg.

Nun sprudelt sie und ergießt sich endlich frei in jeden Winkel meines Lebens. Sie fließt und strömt. Verschenkt sich. In jede Himmelsrichtung. Fragt nach nichts im Gegenzug. Will nichts. Gibt sich einfach weg. Wird stärker. Hört nicht auf.

 

Sie ist – wie der süße Brei. 

Und mir wird klar: Sie war immer da. Die Quelle meiner Liebe.

Doch erst jetzt, nach all diesen neunundvierzig Jahren, hab ich sie verinnerlicht.

Kann sie endlich spüren. Kann er-leben, welchen Weg die Liebe nimmt.

Ewig fließt und flutet sie die Schotten ritualisierter Ängste: von innen nach außen.

Sie verschenkt sich und erwartet nichts. 

Sie macht mich einfach und unendlich reich.

Spült Grenzen fort. 

Malt freies Land.

Es gibt nichts mehr zu suchen, was ich selbst noch nicht hätte.

Die Bedürftigkeit, geliebt zu werden, hat sich wie zarter Bodennebel im Glanz der Sonne aufgelöst.

 

Wenn ich die Quelle und die LIEBE bin, wie kann ich Liebe brauchen?

Wie kann ich von einem anderen fordern, was längst schon im Tresor jeder meiner Zellen liegt?

Ich werfe Perlen vor die Säue, wenn ich nicht nutze, was ich doch längst schon bin.

 

In so vielen Herzen schimmelt große Liebe, gammelt, modert mutlos-schmerzlich vor sich hin.

Weil die Bedürftigkeitspartei regiert. 

Weil wir im Außen suchen, fordern, Tauschgeschäfte schließen, bei denen niemals LIEBE fließt.

Wir tauschen Bedürftigkeiten gegen Anhaftungen ein. Wir täuschen Liebe vor.

Wenn Du nicht fließt, kann Dein Gegenüber sich nicht fließen lassen. Wie sehr Du auch zu lieben glaubst. Dein Gegenstück kann immer nur Dein Spiegel sein.

Wenn Du nicht kriegst, was Du zu kriegen wünschst, dann gibst Du Dich nicht hin. Du forderst, erwartest, trachtest zu bekommen. Du verschenkst Dich nicht aus freiem, ungestümem Herzen.

 

Die Quelle Deiner Liebe ist ein geheimnisvoller Ozean. Gewaltig. Unermesslich. Abgrundtief. Bodenlos.

Sie ist das, was Du nicht zählen, messen oder ordnen kannst. Keine Statistik kann sie bannen.

Braucht dieser kühne Ozean noch einen kleinen Wassertropfen mehr?

Würde er darum betteln, damit er reicher, voller wird?

Würde er sich nach einem Regentropfen sehnen, um noch vollkommener zu sein?

Nein. Das würde er nicht tun. Er begrüßt die Tropfen, die seine weiche Haut benetzen. Er heißt willkommen, was er längst ist.

Bedürftig ist er nicht. Er teilt sein Wesen, wann immer er darum gebeten wird. Er feiert seine tausend Wasser. Er feiert Liebe, weil er sie in rauen Mengen hat.

 

Frage nach nichts. SEI ALLES!

Um zur Mündung Deiner Quelle zu gelangen, UMARME radikal. UMARME ALLES, was sich zeigt.

Höre mit dem Bewerten auf. Beobachte, nimm an, akzeptiere, umarme.

Fühle, was es JETZT zu fühlen gibt. Bleib frisch, anstatt Dich in alten Gefühlen zu verlieren.. Das was war, ist Schnee von gestern. Sei im Moment. Bleibe stets bei Dir. Nur auf die Weise kann aus dem Opfer ein Schöpfer werden.

Schaue nicht mehr in den Spiegel, den Dir ein anderer vor die Nase hält. Schau in Dein Innerstes.

Nur hier kannst Du alte Wunden heilen. Nur hier wirst Du die Liebe finden, nach der Du bis jetzt vergeblich suchst.

Und wenn Du sie in DIR gefunden hast, dann zeigt sie sich an allen Ecken und Enden in Deiner Welt.

An den schweren Tagen wirst Du Meister.

Hier schreibe ich weiter...